Samstag, August 19, 2006

Teddy on Tour



Pauschalreisen für stofflige Touristen. Zwei Berliner Unternehmen veranstalten Hauptstadttouren für Kuscheltiere. Ihre Kunden reisen vorzugsweise im Postpaket an.

Bommeltje ist aus Holland, Jahrgang 1954 und hat nur noch ein Ohr. Wie es aussieht, wird ihm demnächst auch der Kopf abfallen. Aber hoffentlich erst, wenn er wieder zu Hause ist. „Wenn dem Teddy was passiert, bringe ich euch um“, hatte sein Besitzer angekündigt, bevor er Bommeltje nach Berlin schickte. Eine klare Ansage für die Reiseveranstalter Karsten Morschett und Thomas Vetsch. Mit ihrer Firma „Teddy Tours Berlin“ bieten die beiden Jungunternehmer Städtereisen für erholungs-bedürftige Kuscheltiere an. Für die erste Tour diese Woche gibt es bisher sechs verbindliche Anmeldungen. Touren für Teddys – das klingt nach Nische. Aber der Markt scheint sogar groß genug für zwei Anbieter zu sein.

Es war der reisende Gartenzwerg aus der „Fabelhaften Welt der Amélie“, der Morschett und Vetsch auf die Idee brachte. Und es war ein Freund, der einmal zum Spaß erzählt hatte, dass sein Teddybär so gern einkaufen gehe. Also haben sie dem zum Geburtstag die Berlin-Reise geschenkt und sämtliche Bekannten eingeladen, ihre Kuscheltiere mitzuschicken. Mit denen sind sie dann durch die Stadt geradelt, haben sie vor den Sehenswürdigkeiten fotografiert – und beschlossen, die Idee zu vermarkten. Zur Premiere gilt ein Sonderangebot ab 25 Euro, später wollen sie 75 Euro nehmen. In diesem Preis sind Stadtrundfahrt im Fahrradanhänger, ein gutes Dutzend Erinnerungsfotos, Teilnahmebescheinigung, Abschlusspicknick im Tiergarten und eine Urlaubskarte an den Besitzer enthalten. Beim Deluxe-Paket für 110 Euro werden zusätzlich Stationen wie KaDeWe und East Side Gallery besucht sowie die Siegessäule erklommen.

Passanten bei den Fototerminen halten die Reiseleiter mitunter für durchgeknallt, aber denen ist nichts mehr peinlich, seit sie ihre ersten Kunden kennen. Schon drei Interessenten hätten sich sehr ernsthaft um das Betragen ihrer Schützlinge in der Gruppe gesorgt, sagt der ausgebildete Schauspieler Morschett und fügt ebenso ernst hinzu: „Wenn sich unterwegs Freundschaften ergeben, berücksichtigen wir das natürlich.“

Was Bommeltje nächste Woche erleben wird, hat Benny schon hinter sich. Er war am Olympiastadion, auf dem Kurfürstendamm und vor dem Brandenburger Tor. Benny ist 17 und kam aus Düsseldorf, „zusammen mit einem kleinen Reisekoffer und selbst gehäkelten Pullis“, erzählt Arne Schöning vom Konkurrenzunternehmen „My Teddy on Tour“. Schöning ist nach eigenen Angaben vor zwei Monaten gestartet und kümmert sich bis zu drei Wochen um die Lieblinge seiner Kunden, zeigt ihnen Berlin und hält die Erlebnisse in einem Fotoalbum fest. Auch bei ihm, betont er, sei alles echt: „Das sind keine Fotomontagen. Ich fahre die Teddys zum Zoo, zum Alex, zum Reichstag oder nach Potsdam. Die erleben hier richtig was.“ Das ausführliche Programm hat seinen Preis; die Preise beginnen bei 118 Euro.

In die Teddytourismusbranche kam Schöning eher zufällig, nachdem er Anfang des Jahres arbeitslos geworden war. Er fing an, Internet-Seiten zu erstellen. Inspiriert von den vielen Teddy-Liebhabern im Internet hatte er die Idee: „Für manche Leute ist das Kuscheltier eine Art Kind-Ersatz. Und warum sollte man seinem Kind nicht auch mal Urlaub gönnen?“ Er selbst sei kein Teddy-Fan, sagt Schöning. „Ich mag Teddys als faszinierende, tolle Kunstform. Aber ich bin jetzt nicht derjenige, der abends mit tausend Teddys ins Bett geht.“ Auf Benny, den Steiff-Bären, der im Postpaket nach Berlin kam, passt er trotzdem besonders gut auf.

Auch Morschett und Vetsch wissen nicht erst seit der Drohung des Holländers um ihre Verantwortung: „So ein Teddy ist oft durch kein Geld der Welt zu ersetzen.“ Deshalb beschränken sie sich vorerst auf Städtereisen. An plastische Chirurgie, wie sie beispielsweise Bommeltjes Kopf nötig hätte, würden sie sich nie heranwagen. Aber nachdem sie neulich in einer Kölner Teddywerkstatt das Infoblatt einer psychosomatischen Praxis für Stofftiere vorfanden, überlegen sie, ob sie zumindest Kuren ins Programm aufnehmen.

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